Deutschland nimmt den Friedensvertrag von Versailles an. Die Nationalflagge „schwarz – rot – gold“ wird eingeführt. Friedrich Ebert wird erster Reichspräsident. Die 52 Gewerkschaften organisieren sich und die 48-Stunden-Woche wird eingeführt. Österreich schafft die Todesstrafe ab.
Im Juni dieses ereignisreichen Jahres „1“ nach dem ersten Weltkrieg fasste Theo Michels den Entschluss, einen Sportverein zu gründen. Dazu musste er in dieser schwierigen Nachkriegszeit zunächst weitere Interessenten für seine Idee gewinnen. Am 1. August 1919 war es dann soweit, der Verein wurde gegründet und in einer Hauptversammlung am 20. August 1919 eine Satzung beschlossen.
Damals wurde lt. Spielordnung die Mannschaftsaufstellung von einer fünfköpfigen Kommission vorgenommen. Als Spielkleidung waren weißer Sweater mit schwarzem Wappen, schwarze Hose und lange Strümpfe vorgeschrieben. Das Eintrittsgeld betrug 5 Mark, ein Monatsbeitrag 2 Mark. Der erste Kassenbestand wurde mit 207 Mark ausgewiesen. Dem Zeugwart oblag die Verpflichtung, sämtliche Spielutensilien in bester Verfassung zu halten und eine genaue Liste über alles dem Club gehörenden Inventar zu führen. Die Sportvereine waren damals noch nicht verbandsmäßig zusammengeschlossen und organisiert, sondern die Sportkämpfe wurden in wilder Manier durchgeführt.
Leichtathletische Wettkämpfe standen in den ersten 10 Vereinsjahren im Vordergrund des sportlichen Geschehens.
Die wilden Sportvereine hielten jährlich ihr Sportfest ab. Dabei zeichnete sich der Sportverein Kerpen ganz besonders aus. So gelang es z.B. dem Theo Michels auf allen Sportfesten der Jahre 1921 bis 1926 ungeschlagen Meister im 100 m Lauf zu sein. Im Speer- und Diskuswerfen hatte das Mitglied Gottfried Dapper im Kreise über Jahre hinweg keinen ernsthaften Konkurrenten. Im 4 x 100 m Staffellauf waren Theo Michels, Martin Errenst, Hugo Kühbacher und Arnold Dapper acht Jahre lang ungeschlagen.
Die ersten Gehversuche ...
Ja, es muss schon eine Gaudi gewesen sein, wenn Dappers Arnold im Sportdress auf seinem Schimmel angeritten kam, den Gaul an den Torpfosten band und seines Amtes waltete. Vor ihm pflanzte sich sein Bruder Gottfried auf, der trug Fußballschuhe (aus englischen Heeresbeständen stammend) in der Größe 58 ! Wenn Gottfried auf der Fußballwiese den Ball tatsächlich einmal traf, flogen gleichzeitig ein halbes Dutzend Maulwurfhügel mit durch die Luft. Die Fußballwiese gehörte Tesche Hein und war am Ortsausgang Kerpen in Richtung Düren gelegen.
Später wechselte man den Ort und spielte auf dem Sebastianus-Platz.
Bei einem der ersten Meisterschaftsspiele, natürlich gegen den Lokalrivalen Erfa Gymnich, kam es aus nichtigen Gründen zu einer unbändigen Prügelei. Über 300 Zuschauer beteiligten sich daran. Unter Hinterlassung ihrer Zivilkleidung suchten die Grün-Weißen ihr Heil in der Flucht und wurden bis zum Gymnicher Scheid verfolgt. Dort sammelte die Polizei Teile der Platzumzäunung, Eckfahnen, Fahrradluftpumpen und sonstige Schlagwaffen ein. Diese Beweismaterial veranlasste anschließend den Kadi, uns mit Spiel- und Platzsperre zu belegen. Die Spielkultur wurde jedoch ständig verbessert. Als 1939 ein Regiment deutscher Soldaten für 9 Monate in Kerpen lag, konnten daraus 5 Spieler für unseren Verein gewonnen werden. Die Spieler verfügten über beachtliches Können und hatten bereits langjährige Erfahrungen beim schlesischen Verein Beuthe 05 gesammelt. Mit der so verstärkten Mannschaft spielten wir uns im Tchammer-Osten-Pokal bis zu damaligen Regionalliga durch und unterlagen erst dem Bagenthaler Spielverein ganz knapp.
Der erste Einkauf ...
Bei Strohbands Jupp vor der Tür machten Hübsche Jimmy und Wirtze Hannes dem von Fortuna Düsseldorf kommenden Spieler Hannes Pickartz folgendes Angebot:
Für die damalige Zeit eine wahrlich großzügige Offerte.
Wie wertvoll die Feldfrüchte damals waren, mag man daran erkennen, dass z.B. beim Bau der Südkampfbahn eine große Baufirma ihre Planierraupe samt Fahrer 14 Tage zur Verfügung stellte und dafür zwei Zentner Erbsen (für die Werksküche) erhielt.
So war auch Hannes Pickartz von dem Angebot überzeugt und nahm es an. Vor Freude über den gelungenen Einkauf haben sich Hübsche Jimm und Wirtze Hannes an diesem Abend mit Knollenschabau und Hopfenperle (Dünnbier) vollaufen lassen.
Sonderzüge ...
Unter der Leitung von Hannes Pickartz wurde Kerpen alsbald Gruppensieger und durfte mit fünf weiteren Gruppensiegern auf neutralen Plätzen um den Aufstieg in die Bezirksklasse kämpfen.
Das Interesse der Kerpener Bevölkerung an diesen auswärtigen Aufstiegsspielen nahm Formen und Ausmaße an, die den Einsatz von Sonderzügen erforderlich machten. Damit diese Extrazüge ab Bahnhof Kerpen eingesetzt werden konnten, mussten jeweils mindestens 600 Fahrgäste garantiert werden. Dies war jedoch kein Problem; es mussten mangels Platz in diesen Sonderzügen sämtliche verfügbare Traktoren eingesetzt werden, obwohl diese mit nur 15 km/h Geschwindigkeit zur Personenbeförderung über größere Entfernungen nicht unbedingt geeignet waren.
Kadi hilft ...
Es wurden schon 3 Spiele gewonnen, da passierte ein dicker Hund: Einer unserer besten Halbstürmer war in jugendlichem Leichtsinn mit dem Gesetz in Konflikt geraten und der Kadi musste ihn für einige Wochen hinter schwedische Gardinen schicken. Ausgerechnet zum entscheidenden Spiel sollte uns dieser wichtige Spieler nicht zur Verfügung stehen. Willy Hübsch hat sich in dieser Notlage ein Herz gefasst, ist zum Richter nach Köln gefahren und hat um einen Tag Hafturlaub für Herbert gebeten. Nach langem Hin und her hatte der Richter ein Einsehen und gab Herbert mit der Auflage frei, dass Herr Hübsch selber einsitzen müsse, wenn der Delinquent nach Spielschluss nicht wieder eingeliefert würde. Herbert konnte mitspielen und über 1000 begeisterte Zuschauer konnten einen 2:1 Sieg bejubeln. Im Anschluss an das Spiel saß Herbert wieder ein.
Kriegsspielgemeinschaft
Ganz so schlecht, wie eingangs geschildert, können die nachbarlichen Beziehungen zu Erfa Gymnich nun auch wieder nicht gewesen sein; denn bedingt durch den 1939 ausbrechenden Krieg und die damit verbundenen Einberufungen zum Militärdienst fehlten die jungen Männer in allen Vereinen. Als Notlösung wurde in dieser Zeit mit dem Nachbarverein in einer sog. Kriegsspielgemeinschaft gespielt. Nach Beendigung des Krieges nahm jeder Verein seinen selbständigen Spielbetrieb wieder auf.